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    Lehrstuhl für deutsche Sprachwissenschaft

    Dissertationsprojekt

    Arbeitstitel: Wissmannplatz, Tangastraße, Waterbergpfad – Straßenbenennungspraktiken im Kontext kolonisatorischer Selbstzuschreibung“. 

    Dem eingeschriebenen Bestand sekundärer Straßennamen, die im deutschsprachigen Raum seit dem 19. Jahrhundert administrativ vergeben werden, wird in der jüngeren Forschung ein wachsendes Interesse zuteil. Untersuchungen zu Vergabe- und Umbenennungspraktiken im Zuge politischer Zäsuren des 20. Jahrhunderts werden in der Toponomastik (Bering/Großsteinbeck 2007, Dörfler 2006, Werner 2008), aber auch in den Geschichts- und Kulturwissenschaften (Azaryahu 1991, Frese 2012, Korff 1992) untersucht, wenngleich sich bisherige Analysen weitestgehend auf Nameninventare einzelner Ortspunkte beschränken. Forschungen zu Einschreibepraktiken des kommemorativen Straßennamenbestandes, der mit Bezügen zum Deutschen Kolonialismus seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum ortspunktübergreifend verfügt wurde, fehlen bis dato.

    Das Dissertationsprojekt setzt am zuvor beschriebenen Forschungsdesiderat an und untersucht historische Straßenbenennungsstrategien, deren Bezeichnungsmotivik im unmittelbaren Zusammenhang mit Orten, Personen, Ereignissen (u. dgl.) der Kolonialgeschichte des Deutschen Kaiserreichs stehen. Im Kontext toponomastischer Fragestellungen legt das Dissertationsprojekt methodische Zugriffsweisen für eine ortspunkteübergreifende Inventarisierung dar und untersucht den Inventarbestand u. a. hinsichtlich struktureller, lexikologischer, funktionaler und raumlinguistischer Eigenschaften. Das Dissertationsprojekt soll zugleich neue Perspektiven für die Koloniallinguistik (Vgl. Dewein et al. 2012) aufzeigen, die sich hinsichtlich toponomastischer Fragestellungen bis dato nur mit makrotoponomastischen Benennungen in den kolonisierten außereuropäischen Kolonien beschäftigt hat (vgl. Stolz/Warnke 2015). Die Arbeit legt dar, dass die seitens der deutschen Administration verfügten Einschreibepraktiken linguistisch beschreibbare Phänomene darstellen, die kolonialistisch geprägte Machtkonstellationen und -ansprüche im Raum der Kolonisatoren nicht nur objektivieren, sondern auch in Dauerhaftigkeit überführen sollten und damit als Fixierungsprozesse im Kontext der „colonial matrix of power“ (Mignolo 2011: 9) verortet werden können.

    Literatur:

    Azaryahu, Maoz. 1991. Von Wilhelmplatz zu Thälmannplatz. Politische Symbole im öffentlichen Leben der DDR. Gerlingen: Bleicher. 

    Bering, Dietz & Großsteinbeck, Klaus. 2007. Die ideologische Dimension der Kölner Straßennamen von 1870 bis 1945. In: Rudolf Jarowski & Peter Stachel (Hrsg.), Die Besetzung des öffentlichen Raumes. Politische Plätze, Denkmäler und Straßennamen im europäischen Vergleich. Berlin: Frank & Timme, 311-335. 

    Dewein, Barbara et al. 2012. Forschungsgruppe Koloniallinguistik: Profil – Programmatik – Projekte. Zeitschrift für Germanistische Linguistik 40 (2), 242–249. 

    Dörfler, Hans-Diether. 2006. Die Straßennamen der Stadt Erlangen. Onomastische und historische Grundlagen. Namengebung und Wörterbuch (=Erlanger Studien Band 135). Erlangen, Jena: Palm & Enke. 

    Frese, Matthias (Hrsg.). 2012. Fragwürdige Ehrungen? Straßennamen als Instrument von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur. Münster: Ardey. 

    Korff, Gottfried. 1992. Namenswechsel. Volkskundliche Anmerkungen zur Politik der Straßenumbenennungen in der ehemaligen DDR. Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 95 (11), 321–337. 

    Mignolo, Walter D. 2011: The darker side of Western modernity. Durham, London: Duke University Press.

    Stolz, Thomas & Warnke, Ingo H. 2015. Aspekte der kolonialen und postkolonialen Toponymie unter besonderer Berücksichtigung des deutschen Kolonialismus. In: Daniel Schmidt-Brücken, Susanne Schuster, Thomas Stolz, Ingo H. Warnke & Marina Wienberg (Hrsg.), Koloniallinguistik. Sprache in kolonialen Kontexten (=KPL/CPL 8). Berlin, Boston: De Gruyter, 107-175.

    Werner, Marion. 2008. Vom Adolf-Hitler-Platz zum Ebertplatz. Eine Kulturgeschichte der Kölner Straßennamen seit 1933. Köln et al.: Böhlau.

     

    Publikationen  

    • Ebert, Verena (eingereicht): „Des geraubten Kolonialbesitzes wurde durch eine Daressalamstraße, Südseestraße, Tsingtauerstraße und Kamerunplatz gedacht“ – Kolonialtoponomastik im Raum der Kolonisatoren. In: Stolz, Thomas/Warnke, Ingo H. (Hg.): Handbuch Kolonialtoponomastik. Berlin/Boston: de Gruyter. 

    • Schulz, Matthias/Ebert, Verena (2017): Kaiser-Wilhelm-Ufer, Wissmannstraße, Stuhlmann-Straße – Straßennamen im Kontext kolonialer Raumaneignung. In: Dunker, Axel/Stolz, Thomas (Hg.): Tagungsband zum Symposion ›Benennungspraktiken in Prozessen kolonialer Raumaneignung‹, 16.–18. Juli 2015, Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst.

    • Schulz, Matthias/Ebert, Verena (2016): Wissmannstraße, Massaiweg, Berliner Straße. Kolonial intendierte Urbanonyme. Befunde, Perspektiven, Forschungsprogramm. In: Bergmann, Rolf et al. (Hg.): Beiträge zur Namenforschung. Heidelberg.

     

    Vorträge

    18.09.2017: Benennungsstrategien kolonialer Straßennamen im deutschsprachigen Raum – toponomastische und koloniallinguistische Perspektiven. (Vortrag im Rahmen der internationalen Tagung »Toponyme – eine Standortbestimmung« vom 18.–19. September 2017, Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz)

    13.12.2016: Wissmannplatz, Tangastraße, Waterbergpfad. Straßenbenennungspraktiken im Kontext kolonisatorischer Selbstzuschreibung. (Vortrag im Rahmen des Linguistischen Kolloquiums. Universität Würzburg)

    16.02.2016: Kolonialzeitliche und kolonialzeitbezogene Straßennamen im Kaiserreich und den jeweiligen Nachfolgestrukturen. (Vortrag auf dem Workshop »Koloniale  Urbanonyme: Forschungsperspektiven und interdisziplinäre Bezüge«, Julius-Maximilians-Universität Würzburg)

    02.02.2016 (zus. mit Schulz, Matthias/Aleff, Maria): Toponomastische Fixierungspraktiken in kolonialen, nachkolonialen und postkolonialen Kontexten. (Gastvortrag im Seminar »Sprache und Kolonialismus«, Bergische Universität Wuppertal)

    19.11.2015 (zus. mit Schulz, Matthias): Dar-es-Salaam-Straße – Münchener Straße – Tsingtauer Straße: Toponymische Praktiken im Kontext von kolonialer Raumaneignung und kolonialer Bedeutungszuschreibung. (»Ortskontraste – Stadtvergleiche – Urbane Räume im Widerspruch« USRN-Symposion 2015 (Bremen-Heidelberg Series on Urban Communication #5), Universität Bremen) 

    17.07.2015 (zus. mit Schulz, Matthias): Kaiser Wilhelm-Ufer, Wissmannplatz, Kieler Str. – Urbanonyme im Kontext kolonialer Raumaneignung (»Benennungspraktiken in Prozessen kolonialer Raumaneignung«, Symposion der Study Group »Koloniallinguistik« vom 16.-18. Juli 2015 am Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK), Delmenhorst) 

    01.06.2015 (zus. mit Schulz, Matthias): Schulz, Matthias/Ebert, Verena: Koloniale Urbanonyme und ihre postkolonialen Palimpseste – Onomastische und diskurslinguistische Fragestellungen (Gastvortrag im Seminar »Linguistische Diskursanalyse«, Julius-Maximilians-Universität Würzburg)

     

    Organisation von wissenschaftlichen Tagungen und Workshops

    Koloniale Urbanonyme: Forschungsperspektiven und interdisziplinäre Bezüge. Workshop vom 16.–17. Februar 2016 (Julius-Maximilians-Universität Würzburg).

    Stipendien

    Einmaliges Stipendium (500 Euro) des Freundeskreises für Cartographica für einen Forschungsaufenthalt in der Kartenabteilung der Staatsbibliothek Berlin – Preußischer Kulturbesitz (SBBPK).

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